Tesla Model 3

guido

Der mit dem Erfolgsstrom schwimmt…

Elon Musk ist wie ein Holzfäller. Regelmäßig schwingt er die Axt und spaltet die automobile Gesellschaft in zwei Lager. Die einen verehren ihn wie einen Technologie-Messias, die anderen belächeln ihn und seine Ideen und stempeln sie als kurzen Hype ab, der in absehbarer Zeit mit einem großen Knall von der Bildfläche verschwindet. Aber das kennen wir ja, ähnlich erging es Da Vinci, Steve Jobs und Bill Gates.

Doch der ausgefuchste gebürtige Südafrikaner verteilt seine Hiebe grundsätzlich mit System, denn er hat sich bisher nicht nur als Visionär bewiesen, der seinen Ideen Taten folgen läßt (auch wenn sie nicht immer wie geplant termingerecht erscheinen), sondern auch als extrem cleverer Marketingstratege. Da schickt er doch einfach mal ganz prestigeträchtig im Februar 2018 einen Prototypen des kommenden Tesla Roadster 1 mit der Schwerlastrakete „Falcon Heavy“ seines Weltraumunternehmens SpaceX ins Weltall. So geht crossmediale Werbung.

Bleiben wir aber lieber mit den Füßen, oder eher den Räder, auf der Erde. Nach Model S und Model X hat man bei Tesla nun zum großen Rundumschlag ausgeholt und bietet mit dem Model 3 ein volksnahes, effektives Elektrofahrzeug an, das erschwinglich ist, Reichweite und Platz bietet und zusätzlich mächtig Spaß bereitet. Und das Konzept geht auf, wie die Verkaufszahlen beweisen. Mit 300.000 verkauften Einheiten in 2019 ist der Model 3 das erfolgreichste Elektrofahrzeug weltweit.



Wenn man sich für ein Fahrzeug interessiert, besteht der erste Kontakt zwischen Augen und Karosserie. Spricht einen das Fahrzeugdesign nicht an, ist es egal, was unter seiner Hülle schlummert. Bei Tesla setzt man ganz klar, außen wie innen, auf schnörkelloses, sauberes, Design, das trotzdem einen hohen Wiedererkennungswert besitzt. Dank dessen erreicht das Hybridgehäuse aus Stahl und Aluminium einen Luftwiderstandsbeiwert von 0,23 und bringt je nach Akkubestückung ein Leergewicht von 1,726 kg bzw.1,847 kg auf die Waage.

Im Innenraum setzt sich die Designsprache fort. Doch hier spalten sich jetzt die Meinungen. Fahrer und Beifahrer werden mit einer komplett neuen Ansicht konfroniert. Die einen finden das Armaturenbrett zu kahl, zu nackt, die anderen bezeichnen es als puristisch. Aber genau dieser Purismus schafft ein kollossales Raumgefühl, bietet Platz in allen drei Dimensionen und konzentriert sich bezüglich der Bedienung auf zwei Lenkradhebel und ein zentral gelegenes 15 Zoll-Display. Bei einer Länge von 4.694 mm, einer Breite von 2.088 mm und einer Höhe von 1.443 mm sitzen fünf Personen selbst über längere Strecken bequem und entspannt. Dazu bei trägt der Radstand von 2.875 mm, der fast dem der E-Klasse von Mercedes entspricht, sowie die Kopffreiheit von 1.006 mm (mit Glasdach 1.024 mm) in der vorderen und 958 mm in der zweiten Reihe.

Vor der ersten Fahrt in einem Model 3 sollte man sich mit dem Fahrzeug zunächst einmal intensiv befassen. Vergessen Sie alles, was Sie vorher gefahren sind und betrachten Sie den Wagen als Tablet oder Smartphone auf vier Räder.

Der Lenkradhebel links dient nur noch dem Blinken, dem Fernlicht und dem kurzen Einsatz der Scheibenwischer, der Rechte beinhaltet die Automatik, den Tempomaten und den Autopiloten. Das wars. Feineinstellungen erfolgen über die beiden Drück- und Drehknöpfe im Lenkrad. Alles andere spielt sich auf dem Tablet ab. Licht, Fahrzeugabstimmung, Zweizonen-Klimasteuerung, Entertainment, FM-Radio und Bluetooth-Konnektivität mit Webradio und Internetsendern auf Abruf, Rückfahrkamera, und, und, und…

Wirkt das Model 3 auf den ersten Eindruck auch etwas spärlich, so täuscht dieser, wenn man die Features und die Ausstattung einmal genauer unter die Lupe nimmt. Mehr Sein als Schein ist hier das Motto.
Dazu zählen Karten und Navigation mit Routenführung unter Berücksichtigung von Echtzeit-Verkehrsmeldungen, WLAN- und LTE-Internet-Konnektivität, Keyless entry und App-gesteuerte Fern-Klimatisierung, sprachgesteuerte Funktionen, Bluetooth Freisprech-Telefonie und Media-Streaming 60/40 teilbarer umklappbarer Rücksitz, um die Frachtoptionen zu maximieren, Rückfahrkamera, automatisch abblendender Rückspiegel , 12-Volt-Steckdose und zwei USB-Anschlüsse in der Mittelkonsole.

Die Amis sind im Allgemeinen bekannt dafür, dass sie großen Wert auf Sicherheit legen. Diesbezüglich ist das Model 3 ist mit einem umfassenden Assistenzpaket inklusive automatischem Notbremsassistenten, sehr gutem aktivem Spurhaltesystem und systemintegriertem Speedlimiter serienmäßig ausgestattet. Desweiteren verfügt er über volle LED-Außenbeleuchtung, acht Kameras, Vorwärtsradar und zwölf Ultraschallsensoren, die aktive Sicherheitstechnologien ermöglichen (einschließlich Kollisionsvermeidung und automatisches Notbremsen) sechs vordere Airbags und zwei Seitenairbags, Dreipunkt-Sicherheitsgurte mit Gurt-Erinnerungen für Fahrer und vier Passagiere, zwei LATCH-Befestigungen (untere Anker und Haltegurte für Kinder) in der zweiten Reihe, Elektronische Stabilitäts- und Traktionskontrolle, Vierrad-Antiblockier-Scheibenbremsen mit elektronischer Parkbremse, Kindersicherung, Anti-Diebstahl-Alarm und Reifendruck-Kontrollsystem. Das Gesamtpaket von Fahrzeug und Technologie erreichte beim Crash-Test nach EURO-NCAP-Norm im Testergebnis fünf von fünf Sternen, die sich aus vier Kategorien zusammen setzen: Kindersicherheit 86, Fußgängerschutz 74 und aktive Sicherheit 94. Der Insassenschutz erwies sich mit 96 als sehr gut, das Verletzungsrisiko ist für Erwachsene und Kinder fast durchgehend gering bis sehr gering.

Nachdem wir uns nun intensiv mit dem Model 3 beschäftigt haben, kommen wir zu dem, wozu er gebaut wird. Dem Fahren von A nach B.



Uns stand das Model 3 als Performance mit Allradantrieb/Dual-Motor zur Verfügung. In dieser Konfiguration bringt er 339 kW/460 PS und ein maximales Drehmoment von 660 Nm auf die Straße. In Meßwerten bedeutet dies, 3,4 Sekunden von Null auf Hundert und 15,9 Sekunden auf 200 km/h. Die Endgeschwindigkeit wird bei 261 Sachen erreicht. Soweit die Fakten.

Wer schon mal einen Tesla „erfahren“ durfte, weiß, dass ganz fiese Piloten gerne mal zum Kickdown neigen, nur um dem Beifahrer einen Besuch beim Physiotherapeuten zu ermöglichen.
Der Tritt ins Kreuz und der Schlag ins Genick verdeutlichen am Besten, was passiert, wenn man einem Tesla die Sporen gibt. Da das volle Drehmoment bereits bei Null voll zur Verfügung steht, schießt das Model 3 wie Usain Bolt aus dem Startblock. Zählen Sie bis Drei und zack, zeigt die Geschwindigkeitsanzeige 100 Sachen auf dem Tablet an. Das Gummiband-Feeling zieht seine Insassen fast ohne Kraftverlust so weiter bis über 200 km/h.

Ähnlich beeindruckend, die Negativbeschleunigung. Als würde sich im Heck ein Bremsfallschirm öffnen, verzögern die Brembo-Bremsen den Wagen, egal ob kalt oder warm, auf 34 m von 100 km/h herunter auf Stillstand. Zum Vergleich, ein Porsche Panamera Turbo SE Hybrid benötigt hierfür zwischen 37 und 35 m. Respekt!
Amerikanischen Fahrzeugen haftet der Ruf an, geradeaus zu beschleunigen wie verrückt, aber in Kurven Haken zu schlagen wie ein Karnickel. Dass dies mittlerweile nicht mehr der Fall ist, bestätigen am besten Corvette und Camaro. Und jetzt auch der Tesla.

Allradantrieb und ein sehr harmonisch abgestimmtes Fahrwerk sorgen dafür, dass das Model 3 in Extremsituationen wahnsinnig gut zu beherrschen ist. Selbst auf Winterreifen, wie bei unserem Testfahrzeug war die Haftgrenze enorm. Das konnte er auf dem Flugplatz in Mainz-Finthen eindrucksvoll unter Beweis stellen. Und, das kam noch erschwerend hinzu, auf nassem Untergrund. Fantastisch, was diese 5-Personentaugliche Limousine an Potenzial vorzuweisen hat. Zackig eingelenkt, übersteuert er minimal und fängt sich sofort wieder. Wohlgemerkt, wir fuhren ihn im Trackmodus, die elektronischen Spaßbremsen waren auf ein Minimum gedrosselt.
Im Alltag bedeutet dies, dass er noch einen Ticken sicherer zu handeln ist.

Nun aber zu dem Thema, was eines der meist diskutierten bei Elektrofahrzeugen ist. Verbrauch, Reichweite und Kosten. Das Model 3 Performance verfügt über eine 75 kWh-Lithium-Ionen-Batterie. Damit soll es, gemessen nach WLTP-Standard, 530 km weit kommen. Im Test schafften wir bei moderater und verkehrsangepaßter Fahrweise einen Durchschnittsverbrauch von 16,1 kWh/100 km. Laut Taschenrechner ergibt dies eine Reichweite von 466 km. Dazu befuhren wir sowohl Autobahn, wie auch Landstraße und Stadt. Die Autobahnfahrten schrauben den Verbrauch verständlicherweise nach oben, bei einem täglichen Gebrauch im Stadtverkehr und über Land sind die Werksangaben absolut realistisch. Allerdings müssen wir auch gestehen, dass das Model 3 bei, sagen wir mal zügiger Fahrweise, wie auf dem Flugplatz oder bei Geschwindigkeitsbereichen über 180 km/h auf der Autobahn, seinen erforderlichen Bedarf an Strom aus den Akkus saugt. Dann fährt man locker mal nach 300 km den nächsten Tesla-Supercharger an.



Wobei wir beim Tanken, sorry, Laden und den Kosten wären. Die hauseigenen Ladestationen sind in jedem Tesla gespeichert und können via Navi ausgewählt und angefahren werden. Durchschnittlich verlangt Tesla 28 Cent pro kWh, in Holland liegt der Preis sogar stellenweise bei lediglich 24 Cent. Kurzum, da der Akku nie ganz leer sein sollte, gehen wir von einer Ladekapazität von 70 kWh aus. Nach Adam Riese ist das Model 3 somit für 19,60€ wieder aufgeladen. Legt man nun eine Durchschnittsreichweite von 480 km zu Grunde, kommt man auf 4,09€ pro 100 km. Oder bei unserem Testverbrauch auf 4,50€. Das ist schon eine Hausnummer.

Das Laden hat Tesla übrigens beim Model 3 deutlich verbessert, so vergehen im Schnitt 45 Minuten bis man wieder Saft für über 450 km hat. Und die Zeit kann man sich gemütlich im Fahrzeug mit Netflix, Youtube oder installierten Spielen vertreiben.

Last but not least der Preis. Das Model 3 startet bei 44.390 € mit einer Reichweite von 409 km, die nächste Stufe für 54.090 € bietet eine maximale Reichweite von 560 km nach WLTP an. Unser Testfahrzeug in der Performance-Konfiguration gibt es ab 60.390 €. Zieht man dann den Herstellerbonus von 2.000 € und die staatliche Förderung von 2.000 € vom Gesamtpreis ab, so bekommt man ein richtig faszinierendes Elektrofahrzeug gepaart mit jeder Menge Platz und einem hohen Spaßfaktor. Davon sind andere renommierte Hersteller meilenweit entfernt.

Aber die haben ja auch keinen Holzfäller als Chef.

Bericht: Guido Strauss/Fotos: Theresa Weinand/Nico Strauss

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