Ein Hauch von Formel 1
Mit dem Ferrari 296 GTS betreten wir eine neue Ära italienischer Sportwagenemotionen: Der Mittelmotor-Spider vereint kompromisslose Leistung auf höchstem technischen Niveau, und einer gewissen Alltagstauglichkeit. Wobei der Vergleich zum aktuellen Formel 1 Auto der Scuderia Ferrari zwar wie der nach Äpfel und Birnen klingt, beide aber doch sehr viele Gemeinsamkeiten auf den Asphalt bringen. Kommen Sie mit auf eine Spritztour durch Daten, Ausstattung, sinnliches Design und das Gefühl hinter dem Steuer – mit allen Fakten und ganz viel Leidenschaft. Rund um Wien.

Ein bescheidener V6, so mag sich der ein oder andere Skeptiker fragen in einem neuzeitlichen Ferrari? Unmöglich. Warum nicht? Bereits zu Beginn der Siebziger betörten die Italiener mit einem V6 im zeitlos schönen Dino 246 GTS die Autowelt.

Und auch in dieser neuen Ära hat Ferrari seinem Namen alle Ehre gemacht: Ein kraftvoller 3,0-Liter-V6-Biturbo wurde mit einem Elektromotor kombiniert, die zusammen atemberaubende 610 kw/830 PS leisten – und die ausschließlich an die Hinterräder geleitet werden. Indem Ferrari auf den obligatorischen Allradantrieb verzichtet, den so viele andere Hersteller für den verantwortungsvollen Verkauf solch extrem leistungsstarker Supersportwagen an die breite Masse als unerlässlich erachten, hätte man meinen können, Ferrari würdedie Sicherheit bei Regenwetter mit dem 296 einfach ignorieren, oder? Weit gefehlt. Trotz dieser brutalen Leistung und einer Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in nur 2,9 Sekunden meistert der 296 schlechtes Wetter mit einer Souveränität und Traktion, die die reinen Leistungsdaten Lügen strafen.

Der GTS erhöht das Leergewicht des GTB um lediglich 70 Kilogramm – heutzutage eine beachtliche Zahl bei knapp 1.470 Kilogramm – doch diese Zahl spielt bei dieser Kraft im Heck in der Praxis kaum eine Rolle. Im Gegensatz dazu wog der 1970er Dino lediglich rund eine Tonne. Natürlich leistete der 2,4-Liter-Nockenwellen-Mittelmotor des Dino auch deutlich weniger PS – nur 194 PS in seiner letzten Bauphase. Man muss bedenken, dass ein V6-Motor mit engem 65°-Zylinderwinkel in einem so leichten Sportwagen mit der agilen Fahrdynamik eines Mittelmotor-Chassis damals durchaus in der Lage war, dem Namen Ferrari gerecht zu werden – selbst wenn Enzo Ferrari anderer Meinung war. Er setzte in der Formel 1 lieber auf die Kraft seiner Zwölfzylinder.

„Im Ferrari 296 GTS kommt auf Anhieb ein gewisses Kart-Feeling auf, so agil läßt er sich Dank seines kurzen Radstandes von 2,60 m durch wirklich jede Kurve zirkeln…“
In der Saison 2025/26 vertraut man bei der Scuderia Ferrari reglementbefohlen im SF-25 auf einen komplexen 1,6-Liter-V6-Turbomotor mit Hybridkomponenten.
Dementsprechend liegt ein Vergleich des 296 GTS zu seinem PHEV-Kollegen auf der Rennstrecke nah. Auch mit ihm kann man die ganze Power eines High-Tec-Antriebes unter freiem Himmel genießen. Neben dem Ottomotor mit 488 kW/663 PS bei 8.000 u/min und einem Zylinderbankwinkel von 120° verfügt jede Zylinderbank über einen Querstromzylinderkopf mit vier Ventilen pro Zylinder, die von zwei obenliegenden Nockenwellen pro Bank über Rollenschlepphebel betätigt werden. Der Ventilspielausgleich erfolgt dabei mit Hydrostößeln. Die Auslassseiten der Zylinderköpfe zeigen nach innen; dort zwischen den Zylinderbänken sitzen auch die beiden Turbolader.

Hinzu gesellt sich die maximale Leistung des Elektromotors mit 123 kW/167 PS. Gemeinsam stemmt die Einheit dann ein max. Systemdrehmoment von 740 Nm an die Hinterachse. Das rasend schnell agierende 8-Gang-Doppelkupplungs- getriebe sorgt dafür, dass der doch leichtgewichtige 296 GTS in 2,9 Sekunden die 100 km/h-Schallmauer durchbricht und die digitale Geschwindigkeitsanzeige 4,7 Sekunden später ein Tempo von 200 Stundenkilometer attestiert. Zum Vergleich: der SF-25 schafft bei 800 kg incl. Fahrer den Sprint von 0 auf 100 in 2,5 Sekunden und die 200 in insgesamt 4,6 Sekunden. Dafür darf der Formel 1 Bolide bis zu 15.000 u/min hochdrehen, beim Straßensportler ist diese auf 8.500 begrenzt.
In der Höchstgeschwindigkeit kommt der 296 GTS auf bis zu 330 km/h während sein F1-Pendant je nach Strecke 350 km/h erreicht.

Dass die Straßensportwagen aus Maranello von der Entwicklung der Motorsportler profitieren zeigt sich ganz banal beim Verbrauch. Während der 10-Zylinder-Ära genehmigte sich ein Formel 1 bis zu 80 Liter auf 100 km. Die modernen Triebwerke mit V6 begnügen sich mit max. 45 Liter. Die Hybridtechnik macht´s möglich. Da verwundert es einen nicht, dass ein so hochgezüchtetes Rennpferd wie der 296 GTS mit einen kombinierten Kraftstoffverbrauch von etwa 6,5 bis 6,7 l/100 km und einem Stromverbrauch von ca. 12,2 bis 17,4 kWh/100 km auskommt. Der Verbrauch bei entladener Batterie liegt bei etwa 11,0 Liter Super plus. Wohlgemerkt ohne dass der Fahrspaß dabei zu kurz kommt.

Kommen wir zum Design, hier wußte man bei Ferrari durch alle Epochen immer neue Benchmarks zu setzen. Vom ersten Blick an wirkt der 296 GTS athletisch, elegant und technisch-modern zugleich. Die typische Mittelmotor-Proportion – langer Vorderwagen, kompakter Heckbereich – vermittelt Präsenz. Die Linienführung ist fließend, die Flächen sauber, die Radkombination mit 245/35ZR20 vorne und 305/35ZR20 hinten läßt ihn größer wirken als er eigentlich ist. Unter einer Länge von 4.565 mm verbirgt sich ein Radstand von lediglich 2.600 mm. Mit offenem Dach entfaltet der Spider seine ganze Aura: Der Motorraum, die Dachlinie, das Sound-Erlebnis – all das verbindet sich zu einem Gesamtkunstwerk.
Das Hardtop lässt sich bei geringer Geschwindigkeit versenken, sodass das Fahrerlebnis mit offenem Himmel beginnt – und mit dem Klang eines V6-Hybrid-Systems, das in diesem Fall alles andere als de-essentiell klingt. Der Sound ist emotional, roh und dennoch kultiviert. Kernig und typisch Ferrari. Das Maranello Sound Orchester spielt in Bestbesetzung.

Steigen wir nun endlich ein, in diese lediglich 1,19 m flache aber fast 2 m breite Flunder. Zum Glück spielt das Wetter an diesem herrlichen und sonnigen Septembertag in Wien mit. Und zum Glück ist das Hardtop nicht im Wege, so kann ich meine grazilen 1,98 m elegant von oben in die Sitzschale gleiten lassen. Dass meine Stirn während der Fahrt zur Zielscheibe der spätsommerlich herumschwirrenden Fliegen wird, nehme ich gerne in Kauf…

Beim Einsteigen in den Innenraum fällt sofort die Detailverliebtheit auf, die vielen anderen Supersportwagen schlichtweg fehlt. Glattes, elegantes Leder erstreckt sich über das Armaturenbrett bis hinunter zu den mit Alcantara ausgekleideten Fußräumen. Die Sitze bieten Fahrer und Beifahrer optimalen Halt und festen Sitz, mit perfekter Lendenwirbelstütze und ausreichend Längsverstellung für Körpergrößen bis ca. 1,93 m. Am Lenkrad steuern kleine, haptische Oberflächen verschiedene Fahrmodi und Einstellungen. Erst nach kurzem Herumprobieren mit Knöpfen und Reglern wird mir klar, warum der Innenraum des 296 so viel besser aussieht – abgesehen vom offensichtlichen Fehlen des Klavierlack-Kunststoffs, der heutzutage die gesamte Automobilindustrie durchdringt und in der Regel für mehr Fingerabdrücke sorgt, als die Datenbank des BKA hergibt. Und! Es gibt keineMittelkonsole! Der Heckantrieb in Kombination mit dem Mittelmotor bedeutet natürlich auch keinen Getriebetunnel – aber vor allem: Kein riesiger Touchscreen dominiert das Bedienerlebnis.

Stattdessen dient das Kombiinstrument hinter dem Volant als Infotainment-, Navigations- und Anzeigesystem für den Verbrennungs- und Elektroantrieb – alles gesteuert über das vom
Formel-1-Rennsport inspirierte Lenkrad mit Manettino-Drehregler. Die Idee zum ersten Manettino stammt übrigens von Michael Schumacher. Dieses Steuerelement im unteren Bereich des Lenkrades dient zur Auswahl der Fahrmodi, die je nach Einstellung das Fahrverhalten von der Straße bis zur Rennstrecke anpassen. Die Hauptmodi sind Wet, Sport, Race, CT-Off (Controllo di Trazione off) und ESC-Off (Electronic Stability Control off). Mit einem zweiten Drehknopf, dem E-Manettino, werden die Interaktionen zwischen Elektro- und Verbrennungsmotor gesteuert, wie etwa die Option “eDrive”: rein elektrisches Fahren bis zu 135 km/h oder aber “Hybrid”: Das System wählt automatisch den effizientesten Modus zwischen dem Elektromotor und dem V6. Durch Drücken des Manettino-Drehknopfs lassen sich außerdem unterschiedliche Dämpfereinstellungen wählen.

Für unseren Trip heute ist die Option “Sport’ perfekt, schließlich stehen primär herrlich kurvige Landstraßen auf dem Programm. Dabei ist das Starten des 296 eher unspektakulär und nachbarschaftsfreundlich, da es im Elektromodus stattfindet. Aber sobald die Stufe “Sport” gezündet wird, werden die akustischen Erwartungen erfüllt. Hierbei sei erwähnt, dass der Ferrari 296 GTS über keine Klappenauspuffanlage verfügt, wie sie bei anderen Herstellern eingesetzt wird. Der Sound ist auch so schon perfekt.
„Die 296 in der Typenbezeichnung steht für 2,9 Liter Hubraum und 6 Zylinder. Diese Nomenklatur hat in Maranello eine gewisse Tradition. Schon im 246 GTS vor 55 Jahren war das Zahlenspiel selbsterklärend.“
Sofern man seinen rechten Fuß gut unter Kontrolle hat, ist das Anfahren so easy wie in einem VW Golf. Jedoch macht der 296 GTS schnelles Fahren fast zu einfach, ruckzuck gewöhnt man sich an das spielerische Handling, fix hat man Vertrauen zu seinem Fahrzeug aufgebaut. Mit jeder gefahrenen Kurve traut man sich mehr zu, die Michelin Pilot Sport 4 S kleben wie gut durchgekaute Hubba Bubba Kaugummis auf der Strecke. Und kurz nicht aufgepaßt, hat man das vorgeschriebene Tempo überschritten. Gas geben, Kurve anbremsen, durchziehen und im Kurvenscheitelpunkt wieder aufs Gas, das ist Fahrspaß pur, da schlägt der Puls fast im gleichen Tempo wie die Kolben in den Zylinderbänken ein Meter hinter dem Fahrerrücken.

Beim Passieren ländlicher Ortschaften empfiehlt uns unser exzellenter Instructor Giorgio doch mal den Elekromodus auszuprobieren. Okay, kann man machen, muß man aber nicht. Das leise Summen paßt einfach nicht zum Auftritt eines Fahrzeuges mit dem Cavallino Rampante, da gehen die Emotionen einfach unter. Ortsausgang darf der 296 GTS dann wieder mit seiner kompletten Technologie aufwarten. Die Beschleunigung ist katapultartig – egal ob aus 50 Sachen oder später auf der Autobahn aus 130 km/h heraus – das hybride System sorgt für sofortiges Ansprechverhalten, ohne dass die Seele eines echten V6 dabei verloren geht.

Die Lenkung ist präzise, das Fahrwerk sportlich straff – und doch nicht unerträglich hart. Man spürt den Asphalt, die Kurve, den Widerstand – und gleichzeitig fühlt man sich über alles Herr. Mit offenem Dach durchszeniert sich jedes Geräusch: Wind, Motor, Straße – in perfekter Symbiose.
Auch im Komfort-Modus erkennt man: Ferrari wollte keinen kompromittierten Komfortpartner bauen. Der Alltag funktioniert: Zum Supermarkt? Ja. Der Wochenendeinkauf füllt den ca. 202 Liter großen Kofferraum unter der Fronthaube jedoch vermutlich ziemlich schnell aus.

Aber seine eigentliche Bestimmung ist natürlich eine ganz andere. Ein Ferrari soll dich begeistern, soll dir Emotionen vermitteln, dich in seinen Bann ziehen. Einsteigen? Sofort! Aussteigen? Das einzig Negative bei einem Fahrerlebnis der ganz besonderen Art. Und dazwischen? Fahrgenuß, Fahrfreude, Motorsportfeeling pur. Etwa dann, wenn der Angriff auf die Serpentinen startet, das Kreischen der Reifen sich mit dem Fahrzeugsound zusammentut, das Adrenalin beim Hochschalten den Puls in gesundheitsgefährdende Bereiche schnellen läßt, der schlagartige Druck dich in den Rücken wie der Tritt eines stolzen Hengstes aus der spanischen Hofreitschule in Wien trifft, die G-Kräfte in langgezogenen Kurven es nicht schaffen, dein Grinsen zu verzerren, der Fahrtwind dir die Freudentränen in die Ohrmuscheln treibt. Dann sitzt du in einem Ferrari. In einer Legende. Denn jedes Modell wird zu einer, sobald es die heiligen Hallen in Maranello verläßt.

Leider hatten diese Legenden schon von jeher auch ihren Preis, es mag bizarr klingen, aber ein Ferrari ist immer sein Geld wert. Im Falle des 296 GTS sprechen wir von einem Einstiegspreis deutlich über 300.000 Euro. Auch wenn die Serienausstattung bereits vollkommen erscheint, mit Ferrari Tailor Made,
dem exklusiven Programm, das Kunden erlaubt, ihren Ferrari individuell nach persönlichen Vorlieben zu gestalten, läßt sich der Preis noch etwas in die Höhe treiben. Aber der Fahrspaß bleibt gleich.

Bericht: Guido Strauss/Fotos: Ferrari
Technische Daten und Preis: Ferrari 296 GTS
• Motor V6, Biturbo, Mitte hinten längs + E-Motor
• Hubraum 2.992 ccm
• Systemleistung 610 kW (830 PS) bei 8000/min
• max. Drehmoment 740 Nm bei 6250/min
• Antrieb Hinterrad, Achtgang-Doppelkupplung
• L/B/H 4.565/1.958/1.191 mm
• Leergewicht 1540 kg
• 0–100/200 km/h 2,9/7,6 s
• Spitze 330 km/h
• Preis ab 310.595 Euro







